Kurzchronik

 

Aus der Geschichte von Plagwitz
Ulrich Krüger, Bernd Rüdiger

Ein Dorf westlich Leipzigs.
Plagwitz, an keinem auch nur örtlich bedeutenden Verkehrsweg gelegen, hat jahrhundertelang, nahezu bis Mitte des 19. Jahrhunderts, als ein abgeschiedenes kleines Bauernhöfchen existiert. Obwohl lediglich 2 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, war es von Leipzig nur auf einem Umweg zu erreichen, weil zwischen Dorf und Stadt die Weitausgedehnte Auenlandschaft des Elsterflusses lag, der fast regelmäßig zweimal im Jahr über die Ufer trat und große Gebiete überschwemmte. Nach Plagwitz gelangte man über den Rangerstädter Steinweg und die Frankfurter Kunststraße (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee), die man beim Kuhturm (kurz vor Lindenau gelegen) verließ, um nach Südosten im Dorf bei der heutigen Alten Straße anzukommen.

Nicht nur auf dem Weg nach Plagwitz, sondern auch die Topographie des Dorfes war von der Elster bestimmt, die im wesentlichen auch heute noch ihren alten Verlauf nimmt: Die Ansiedlung entstand in Flussnähe auf ansteigendem und damit hochwassersicherem Gelände, das schon früh Anreize für Ansiedlung bot. Der Auwald bot Schutz und Unterschlupf bei Gefahren, gab Wild und Früchte, Bau- und Brennholz, war zugleich Rodeland. In der breiten Aue hatte die Elster in einer 1,5 – 3 Meter mächtigen Schicht braunen fetten Aulehm abgesetzt, einen einkörnigen, lockeren und humusreichen Flussschlick von hoher Fruchtbarkeit, der bei der ursprünglichen Feuchte üppiges Weideland bot und in trockneren Lagen auch bei Ackerbau mit einfachsten Werkzeugen ausreichende Erträge brachte. Die Bodendecke der Hochfläche dagegen schwerer zu bearbeiten: Sie besteht aus einer bindigen, tonigen oder sandigkiesigen, mit Gesteinsbrocken durchsetzten Masse, dem Geschiebelehm, der wenig luft- und wasserdurchlässig, >>kalt<< ist. Der Lehm dient schon bald als Baumaterial.
Archäologische Funde belegen die frühe Besiedlung des Elsterrandes mit germanischer Bevölkerung; auch die Flussnamen Elster und Luppe sind germanischen Ursprung. Während der Völkerwanderungszeit räumten jedoch die Germanen das Elstergebiet, und nach und nach wanderten Trupps slawischer Bauernkrieger aus Böhmen ein – heute mit dem Sammelnamen Altsorben bezeichnet -, die hier sesshaft wurden und etwa im Laufe des 8. Jahrhunderts den Elsterrand dicht besiedelten. In dieser Zeit mag auch die Ansiedlung Plagwitz entstanden sein. Der Name deutet auf den Ackerbau, denn Plagwitz wird vom altsorbischen placht (=abgeteiltes Feld) hergeleitet und kleine blockförmige Parzellen bildeten generell die Form, in der die Altsorben Rodungsland anlegten. Der Übergang vom Umherstreifen zum Sesshaftwerden bedeutete geradezu eine Umwälzung aller Lebensgewohnheiten der Gruppe wie des Einzelnen, brachte eine völlig andere Art und Weise der Beschaffung der Nahrungsmittel mit sich und prägte neue geistige Vorstellungen. Mit der Sesshaftigkeit begann auch die z.T. bis heute erkennbare kulturlandschaftliche Gestaltung des Raumes an der Elster und Luppe. Leider existieren archäologische Zeugbisse aus dieser Zeit für Plagwitz nicht. Doch wird die Siedlung die damals übliche altsorbische Form des Rundlings mit vielleicht 6 bis 10 einfachen Gehöften um einen Dorfplatz mit dem lebensnotwendigen Teich besessen haben. Der Rundling bildete eine zweckmäßige Siedlungsform, denn er bot den Menschen und dem Vieh einen gewissen Schutz. Es ist anzunehmen, dass der Dorfplatz an der Stelle des späteren Plagwitzer Rathausplatzes lag. Der Dorfteich könnte sich am Rande des Platzes, etwa bei dem späteren Postgebäude, befunden haben. Ackerbau wurde extensiv als Feld-Gras-Wechselwirtschaft betrieben. Felder waren gerodete Waldstücke. War der Boden erschöpft, wurden weitere Waldstücke gerodet und die Brache wuchs wieder zum Wald zurück. Die bei dieser Art der Bodennutzung zu erzielende Erträge werden kaum mehr als eine Ergänzung zur Ernährung von Wild, Fischen und Waldfrüchten hergegeben haben.

Im 11. Jahrhundert erweiterten deutsche Bauern das altsorbische Dorf mit einer gassenartigen Siedlung an der alten Straße. Das geschah im Zuge des >>Landesausbaues<<, einer groß angelegten deutschen Erschließung des slawischen Landes östlich von Elbe und Saale, nachdem es unter Heinrich I., von 919 bis 936 deutscher König, dem Reich eingegliedert worden war. Den Aufrufen deutscher Herren folgend, siedelten sich hier Bauern aus dem Altsiedlungsland des Reiches an. Für die Herren bedeutete die stärkere Besiedelung und umfassende Nutzung des Bodens die Vergrößerung ihrer Einnahmen und ihrer Herrschaft. Die Neusiedler sahen hier günstigere wirtschaftliche Möglichkeiten sowie eine bessere soziale und rechtliche Stellung als in ihrer Heimat. Das Dorf Plagwitz gewann von dem landwirtschaftlichen Aufschwung, den die deutschen Bauern mit dem eisernen Pflug und entwickelteren Ackerbaumethoden betrachten. Beispielsweise wurden die westlich des Dorfes gelegene Hochebene, deren schwerer Boden mit dem altsorbischen Holzpflug nicht zu bearbeiten war, für den Ackerbau erschlossen. Außerdem wurde zur ertragreichen Dreifelderwirtschaft übergangen. In dieser Zeit müssen auch erste Regulierungen vom Elsterarmen nahe Plagwitz begonnen haben, die wegen des Betriebes von Wassermühlen bei Leipzig notwendig wurden.

Zur strategischen Sicherung des eroberten Landes wurden zahlreiche Burgen angelegt, so in Leipzig. Deutsche Adlige als Träger der Herrschaft wurden mit Dörfern belehnt, zugleich wurden die Dorfmarken abgegrenzt. Das Dorf Plagwitz wurde den Herren von Kleinzschocher zugeteilt, denen die Plagwitzer Bauern dienst- und abgabepflichtig wurden. Im 12. Jahrhundert bauten die deutschen Siedler in zahlreichen Dörfern Kirchen. Als 1150 in Kleinzschocher eine Kirche entstand, wurden auch die Plagwitzer nach Kleinzschocher gepfarrt. Plagwitz, das 1486 erstmals urkundlich erwähnt wurde, ist lange Zeit ein kleines Dorf geblieben. 1562 zählte man 14 vollberechtigte Männer, d.h. Hufenbesitzer, und einen Häusler, Eigentümer einer Kate ohne Grundbesitz. Plagwitz besaß demnach damals 15 Gehöfte und zählte die Familienangehörigen eingeschlossen, etwa 75 Einwohner. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Dorf geplündert und abgebrannt (1637). Doch es erstand wieder, nunmehr meist mit Mehrseithöfen in Fachwerkbauweise nach fränkischer Art. Mehr als 100 Jahre nach seiner Zerstörung, 1764, lebte in Plagwitz 12 Hufenbesitzer und 7 Häusler. Man wird folglich für diese Zeit von 19 Gehöften und etwa 95 Bewohnern ausgehen dürfen. Allmählich machte sich der Einfluss des wachsenden Leipzig bemerkbar: Das idyllische Plagwitz wurde als Ausflugsziel der Städter entdeckt. Das Dorf und seine Schenken konnten von Leipzig aus mit Booten erreicht werden. 1821 beschreibt ein Bericht Plagwitz wie folgt:

>> Der Ort liegt recht angenehm mitten in der Elsteraue, eine dreiviertel Stunde südwestlich von Leipzig, dem Schleußiger Holze gegenüber ... und in einer äußerst milden Lage. Die Luppe fließt hinter dem Dorfe weg auf Lindenau zu. Es hat 26 Häuser, meist Häuslerstellen, gegen 150 Einwohner, worunter die meisten Tagelöhnerei und Markthelfearbeit in Leipzig treiben, 49 Acker guten Feldes ..., sehr viel Wieden, gute und nutzbare Viehzucht, und eigene Landhäuser und Gärten von Leipziger Particuliers [wohlhabenden Privatleuten] ... << Es gab nun auch einen direkten, allerdings nicht ständig befahrenen Weg zwischen Plagwitz und der Stadt: >> Sehr angenehm ist der Fußpfad, welcher über die Luppe durch üppige Wiesen nach Leipzig führt. << Im Winter 1827 fanden auch Schlittschuh- und Schlittenfahrten auf der Elster bis Schleußig statt.
Die 1830er Jahre brachten bedeutsame Veränderungen. Das sächsische Gesetz über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen (1832) förderte die Ablösung der mittelalterlich-feudalen Strukturen. Der Boden wurde gegen Zahlung von Ablösesummen der Bauern deren frei verfügbares Eigentum. An die Stelle der Dreifelderwirtschaft trat mehr und mehr die rationellere Fruchtwechselwirtschaft. Mit der Einführung der sächsischen Gemeindeordnung wurde erstmals ein Stückchen gemeindlicher Selbstverwaltung möglich. Erstmals 1840 übernahm ein Gemeinderat die Verwaltung von Plagwitz und förderte die Entwicklung des Ortes nach Kräften.

Plagwitz wird Industriedorf
Das Dorf Plagwitz änderte sein Gesicht, als sich Gewerbe und Fabriken ansiedelten. Plagwitz bildete zwar nicht den frühsten Fabrikstandort in Leipzigs Nähe, aber seit den 1860er Jahren wurde es der Leipziger Industriestandort mit dem deutlichsten Wachstumstempo. Als seit den 130er Jahren das Leipziger Handelskapital nach Plätzen für Gewerbe- und Fabriksiedlung suchte, für die in der Stadt selbst kein Gelände zur Verfügung stand, erhielt zunächst der stadtnahe Raum an den in schneller Folge gebaute Eisenbahnstrecken und Bahnhöfe im Norden und Osten den Vorzug. Das ländliche Plagwitzer Idyll blieb damals noch unberührt, der (alte) >>Felsenkeller<< auf der Anhöhe an der heutigen Zschocherschen Straße wurde zum beliebten Ausflugsziel der Städter, die Landwirtschaft war nach wie vor bestimmender Wirtschaftszweig und der Ort bewahrte den überkommenden Charakter als Gassendorf. Dem jungen Leipziger Rechtsanwalt Dr. jur. Heine gebührt der Verdienst, nicht nur schlechthin die Notwendigkeit einer industriellern Entwicklung für das weitere Wachstum der alten Handelsstadt Leipzig erkannt, sondern zugleich die unabdingbaren Vorraussetzungen dafür gesehen zu haben. Er wurde zum Wegbereiter der Industriesiedlung in Plagwitz, die zugleich das Dorf zu einem Ort mit sächsischem Charakter wandelte, der schließlich Stadtteil Leipzigs wurde.
Ernst Carl Erdmann Heine, so sein vollständiger Name, war am 10. Januar 1819 in einer Gutsituierten Familie zur Welt gekommen. Sein Vater bewirtschaftete das Rittergut Gundorf bei Leipzig und seine Mutter, eine geborene Reichel, entstammte einer bedeutenden Kaufmannsfamilie. Neben den juristischen Vorlesungen beschäftigte sich der Student Heine mit Staats- und Volkswirtschaftslehren, mit Mathematik und praktischem Feldmessen, denn er verfolgte den Gedanken, am Westrand der Stadt, jenseits des Pleißemühlgrabens, aus großteils sumpfigen Wiesen und Gärten im Überschwemmungsgebiet, wo die Familie Grundbesitz hatte, Bauland zu schaffen. Das bedeutende Flussregulierungen und andere Baumaßnahmen, folglich auch Rechtsfragen, und so wählte der Student für seine juristische Dokterarbeit, die er – damals üblich – in latein schrieb, das Thema: De prinzipiis juris in usu fluviorum adhibent (>> Rechtsgrundlagen für die Nutzung von Flussläufen <<). Karl Heine promovierte 1843.

25 Jahre alt und alles andere als zaghaft, so trat Karl Heine mit seinen Plänen zur Ereschließung von Bauland in das Wirtschaftsleben ein. Da die Grundstücksnachbarn sich für sein Vorhaben nicht erwärmen konnten, kaufte er deren Land, ließ 1844 die Pleiße gegenüber der Pleißenburg überbrücken und begann von hier aus die heutige Friedrich-Ebert-Straße zu bauen. In dem durch Trockenlegung und Aufschüttungen erschlossenen Gebiet zwischen dieser und der Lessingstraße war Heine teils Bauherr, teils Grundstücksverkäufer, und mit ihm als Geburtshelfer entstand hier in kurzer Zeit Leipzigs Westvorstadt, ein gesunder Stadtteil, denn die Beseitigung der Sümpfe hatte die Malaria, die bis dahin in Leipzig regelmäßig auftrat, ausgerottet.

Mit 35 Jahren begann Heine das zukunftgestaltende Vorhaben, das sein Lebenswerk wurde – die Erschließung des westlichen Vorlandes jenseits der Aue für Industrieansiedlung und Wohnungsbau. Der ein bis zwei Kilometer breite Auestreifen – sumpfig, wasserreich, oft überschwemmt – hinderte die Stadt daran, sich nach Westen zu erweitern und versagte den Landstrichen jenseits der Aue, an der wirtschaftlichen Entwicklung des Stadtumlandes teilzunehmen.
Heine erkannte bereits zu jener Zeit ein Bündel von Vorzügen, die das Gelände westlich der Altstadt im Raum Plagwitz / Lindenau aufwies. Das, war anderen als Standortnachteil erschien, stellte sich für ihn als außerordentliche Siedlungsgunst dar: große Flurstücke zur planmäßigen Ansiedlung von Gewerbe und Wohnstätten sowie der Elsterfluss als Brauchwasserreservoir, vor allem aber als Wasserstraße zum An- und Abtransport von Rohmaterialien, Brennstoffen und Fertigungsprodukten.
Trotzdem standen der eigentlichen Planung noch diverse Aufgaben und Probleme bevor. Die Elster musste reguliert, Sümpfe trockengelegt, Tümpel und Gräben aufgefüllt, Straßen, Wege und Brücken gebaut werden.
Das 1850 von der Stadt Leipzig aufgestellte Regulierungs- und Hochwasserschutzprogramm befriedigte Heine nicht. Er nahm 1856 den Wasser- , Wege- und Brückenbau selbst in Angriff, nachdem er einige Jahre zuvor begonnen hatte, Wiesen und Äcker auf den Plagwitzer Fluren zu erwerben. Für das Dörfchen Plagwitz mit seinen einfachen Holz- und Lehmkaten war es ein Ereignis, dass Heine dort 1856 ein Haus nur aus Bruch- und Ziegelsteinen bauen ließ, ein Gebäude ohne Holz, das >>Steinerne Haus<< (heute Buchhandlung Grümmer).
Für die Bauerschließung erlangte der Kanalbau zentrale Bedeutung. Mit den Ausschachtungen wurden die Erd- und Gesteinsmassen gewonnen, die für Aufschüttungen und Straßenbau erforderlich waren.
Beim Durchstrich des Höhenrückens bei Plagwitz bereitete die Grauwacke, ein festes Sedimentgestein, in dem Teile von Quarz, Glimmer, Feldspat und Schiefer verbunden sind, besondere Schwierigkeiten; diese >>Heine-Knack<< war jedoch gerade für den Wegbau von besonderem Wert. Der Kanalbau entschärfte zugleich das Transportproblem, denn auf der Elster, die Heine zwischen der Stadt und Plagwitz schiffbar gemacht hatte, sowie auf dem fertig gestellten Kanalteil ließ er Schlepper und Kähne verkehren.
Der Kanal begann an der kleinen Luppe (in Höhe der heutigen Nonnenstraße), durchschnitt die Leipziger Allee und führte, mit Benutzung alter Lehmlachen, durch die Wiesen zwischen Nonnen- und Alter Straße. Diesen Teil ließ Heine jedoch wieder zuschütten und im gleichen Jahre weiter südlich, in der Nähe der heutigen Industriestraße, neu anlegen. 1862 fuhren bereits 16 Schiffe, um Ziegelsteine, Kohle, aber auch Heu und sonntags auch Personen zwischen Leipzig und Plagwitz zu befördern. Allerdings stellte dies keineswegs die von Heine angestrebte endgültige Nutzung des Kanals dar. Sein Ziel war es, mit dem Kanal Elster und Alster, Leipzig mit Hamburg zu verbinden, um so der Industrie einen günstigen Zugang zum Weltverkehr zu schaffen.

Um die Fabrikansiedlung in Plagwitz zu fördern, betrieb Heine 1859 mit Nachdruck die Herstellung einer ganzjährigen benutzbaren, nicht durch Überschwemmungen immer wieder unterbrochenen Wegeverbindung mit Leipzig. Heine ließ in Plagwitz eine Straße vom Felsenkeller bis an die Elster anlegen, die heutige Karl-Heine-Straße, und über die Elster eine Holzbrücke bauen. Von der Stadt aus war in Richtung Plagwitz ebenfalls eine Straße gebaut worden; aber eine durchgehende Verbindung konnte nicht erreicht werden, weil die Stadtbehörden nicht genehmigten, ein Stückchen des Waldes zu queren. Heine ließ dennoch in eine Blitzaktion 1859 einen Weg durch das Wäldchen schlagen, bezahlte die dafür verhängte Buße, hatte aber eine Verbindung zur Stadt geschaffen und zudem zur Popularität gewonnen, denen viel gefiel, dass der Stadtverwaltung mit der Schneise auch ein Schnippchen geschlagen worden war. Nachdem diese Wegeverbindung hergestellt war, wurde sie, weil wirtschaftlich unumgänglich, bald zu einer Fahrstraße ausgebaut mit einer Steinbrücke über die Elster, womit die heutige Käthe-Kollwitz-Straße entstand.

Bald begann die Ansiedlung von Gewerbetreibenden, wie sie auf dem Lande nicht untypisch waren. 1856 entstand ein Sägewerk, 1858 / 59 eine technisch moderne Ziegelei, deren es 1860 bereits zwei – nordwestliche des Ortes und im Süden hinter dem Kanal – gab und die für die Aufbauarbeit außerordentlich wichtig waren. In der Nähe des Kanals, an der heutigen Zschocherschen / Ecke Eduardstraße, gegründete Heine 1858 eine >> Ökonomie <<, einen landwirtschaftlichen Musterhof. 1861 veranlasste er die Verlegung der >> Landwirtschaftlichen Lehranstalt << von Lützschena nach Plagwitz. Heine stellte ihr einen Teil seiner Besitzungen zu Studienzwecken zur Verfügung.
Vor allem warb Heine jedoch für Industrieansiedlungen in Plagwitz. Rechtzeitig – als Konzessionen für die Gründung der Fabriken und Aktiengesellschaften vom Staat großzügiger erteilet wurden und mit der Einführung der Gewerbefreiheit (1861) die Zunftschranken fielen – war das Land erschlossen und Heine konnte ausreichend große Grundstücke zur Verfügung stellen. Das erste Fabrikgebiet in Plagwitz schuf er längs der Nonnenstraße und des Elsterufers. 1857 beantrage Karl Heine die Genehmigung zur Aufstellung von Dampfkesseln und Dampfmaschinen für eine dort zu errichtende mechanische Teppichweberei. In dieser Fabrik begann ab 1869 die Fa. Mey & Edlich ihren Aufstieg zu einer Weltbekannten Wäschefabrik und einem florierenden Versandhaus. Weiter fanden hier eine chemische Fabrik, die sich zu einer Maschinen- und Apparatebaufabrik entwickelte, sowie eine Gummiwarenfabrik, eine Maschinenbauwerkstatt, eine Nähmaschinenfabrik, eine Farbenfabrik und andere Unternehmen sowie Wohnhäuser ihre Plätze. Hier wuchs seit 1875 auch die Sächsische Wollgarnfabrik zu einem Großbetrieb, der nach und nach ein ausgedehntes Areal auf beiden Elsterstufen bebaute.
Unweit der Nonnenstraße, in der Alten Straße, hatte Rudolf Sack 1863 die Heerstellung landwirtschaftlicher Geräte und Maschinen aufgenommen. Karl Heine hatte Rudolf Sack dafür gewonnen, seine Landwirtschaft in Löben und die handwerkliche Kleinherstellung von Geräten in der Dorfschmiede Peissen aufzugeben und in Plagwitz fabrikmäßig zu produzieren. Heines Rat erwies sich als richtig. Sack, der zunächst in gemieteten Räumen der kleinen Eisengießerei und Maschinenfabrik Kaspar Dambacher arbeitete, konnte knapp fünf Jahre später ein eigenes großes Grundstück an der Kanalstraße – schon auf dem zweiten von Heine erschlossenen Industrieareal – erwerben und dort das schnell expandierende Unternehmen für landwirtschaftliche Maschinen aufbauen.

Heines Erschließungsarbeiten im Auegebiet wurden von landesrechtlichen Vorschriften behindert, die er als überlebte, feudal-bürokratische Schranken gegen eine freie Konkurrenz bei wirtschaftlichen Unternehmungen ansah. In seiner 1864 veröffentlichten Druckschrift >>Betrachtung zur Regulierung der Elster bei Leipzig<< verlangte er grundsätzliche Änderungen der gesetzlichen Regelungen für Wasserbaumaßnahmen – und formulierte dabei Grundsätze des Wirtschaftsliberalismus. >>Das Gesetz<<, schrieb Heine, >>tritt der Privatindustrie geradezu hemmend entgegen. Statt dass Regierungstechniker mit den Mitteln des Staates oder der Gemeinde oder für die den Grundbesitzern zur Last fallenden Kosten großartige und schöne Pläne anfertigen, die mehr auf das Auge als auf wirklichen Nutzen berechnet sind, sollte es besser den Eigentümern überlassen werden, einfache und billige Lösungen anzuwenden. Denn der Private müsse sich nach den vorhandenen Mitteln richten und sich deshalb bestreben, für möglichst wenig Geld etwas Gutes zu schaffen.<<
Der 45jährige Heine erlebte einen Triumph seiner Arbeit, als 1864 die Herstellung der schiffbaren Fluss- und Kanalstrecke vom Floßplatz in Leipzig bis über die Zschochersche Straße in Plagwitz hinaus und die Eröffnung seiner ersten großen Steinbrücke über den Kanal gefeiert werden konnten. Die Einweihung wurde wie ein Volksfest mit Dampferfahrt auf dem Kanal, Bewirtung, Ansprachen und Musik begangen. Sachsens König Johann war zur Einweihung der Kanalbrücke gekommen und gestattete, ihr seinen Namen zu geben. Für Heine bedeutete die Fertigstellung des ersten Kanalabschnittes zugleich den Auftakt zur Erschließung der westlich des Dorfes gelegenen Areale, auf denen in den 70er und 80er Jahren das Industriegebiet entstand, in dem der Kanal einst als Transportweg dienen sollte.

Als angesehener Leipziger Bürger mit weit reichender Popularität begann der 50jährige Heine in die Landespolitik einzugreifen. Er kandidierte 1869 für den Landtag und wurde in die Zweite Kammer gewählt. Da Heine das wirtschaftliche Vorankommen aller Landesteile Sachsens weitgehend von der Entwicklung der Eisenbahn bestimmt sah, setzte er sich im Landtag besonders für den Bau weiterer Eisenbahnen ein, insbesondere für den Bau von Privat- statt Staatsbahnen, für die interessierte Unternehmer die finanziellen Mittel aufzubringen hätten. In den 70er und 80er Jahren hat Heine nicht nur engagiert als Abgeordneter gearbeitet –von 1873-77 war er zugleich Reichsabgeordneter- sondern auch für das Wachsen des Industriereviers westlich des alten Dorfes Plagwitz gesorgt. Heines Planung sicherten diesem Industriestandort, dass er nicht, wie andere Fabrikgebiete jener Zeit, chaotisch entstand, sondern eine für die Unternehmen günstige Infrastruktur mit genügend breiten, gepflasterten und beschleusten Straßen sowie Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt. Für die erste Bahnverbindung mit Plagwitz, den Bahnanschluss an die Strecke nach Zeitz, ließ Heine 1872 auf eigene Kosten eine Eisenbahnbrücke bauen über den Kanal bauen, so dass 1873 das Fabrikgebiet seinen Bahnhof bekam.

Dies gab der Ansiedlung weiterer Fabriken umso mehr Auftrieb, als Heine sofort begann, ein privates Gleissystem anzulegen, das den Bahnhof mit den einzelnen Fabriken verband und so den Transport beschleunigte und verbilligte. Die Landmaschinenfabrik Rudolf Sack (seit 1867/68) und die Gießerei von Meier & Weichelt (seit 1871) bekamen Fabrikgleise ebenso wie die hinzukommenden Maschinenfabriken der Gebr. Brehmer, Fuchs & Kunad (beide seit 1879), die Kammgarnspinnerei von Eduard Stöhr (seit 1880), die Leipziger Baumwollspinnerei (seit 1886) und andere Unternehmen mit wachsender wirtschaftlicher Bedeutung und zunehmenden Beschäftigtenzahlen.
Heines Industriegleise und sein Transportkontor brachten eine Rationalisierung des Güterverkehrs. Das Transportkontor übernahm für die Betriebe alle Dienstleistungen, die für den An- und Abtransport der Waggons zwischen Fabriken und Bahnhof, für den Versand und Empfang von Gütern per Bahn einschließlich der Bezahlung der Frachten erforderlich waren. Die Industriegleise wurden jeweils zwischen zwei parallel laufenden Straßen verlegt, so dass sie die Rückseiten der Fabrikgelände erreichten und nach Bedarf in die Fabrikgrundstücke, teils bis in die Werkhallen weitergeführt wurden. Bereits im ersten Jahr nach Eröffnung des Bahnhofes in Plagwitz erschlossen 1900 Meter Industriegleise für 37 Fabriken den auf diese Weise äußerst vereinfachten Bahntransport. Als Plagwitz 1879 mittels eines Gleises nach Gaschwitz Anschluss an die Sächsische Staatsbahn erhielt, womit sich Transportstrecken verkürzten und Frachten verbilligten, ließ Heine das System der Industriegleise erweitern und zudem 1879, 1880 und 1886 drei öffentliche Ladestellen schaffen, damit auch Betriebe, die keinen Gleisanschluss besaßen, die Vorteile nutzen konnten. Der Betriebsdirektor der sächsischen Staatseisenbahnen zu Leipzig, Freiherr von Oer, hatte den Gedanken, durch Gleisanlagen Fabriken und Bahnhöfe direkt zu verbinden, als eine der neuen und bedeutenden, schöpferischen Ideen Heines gewürdigt, denen das Plagwitz-Lindenauer Industriegebiet seine Entstehung verdankte.

Die 1871 ermittelten Zahlen für Beschäftigte und Angehörige in Plagwitz zeigen deutlich, dass in der Sozialstruktur für die Landwirtschaft kaum noch Platz war: Von den 2531 erfassten Personen waren nur noch 45 der Land- und Forstwirtschaft bzw. Gärtnereien aber 1382 Personen der Branche Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen zuzuordnen.

Zahlreiche Betriebe entstanden in rascher Folge: Genannt seien die 1869 von Ernst Mey gegründete Papierwäschefabrik in der Elsterstraße (heute Ernst-Mey-Straße), die 1875 von Tittel & Krüger errichtete Dampffärberei für Wollgarn in der Nonnenstraße, aus der 1887 die Sächsische Wollgarnfabrik – vormals Tittel & Krüger Aktiengesellschaft- hervorging, sowie die 1880 an der Elisabethallee angesiedelte Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. Bald reichten die Flächen um die Nonnenstraße Elisabethallee nicht mehr aus, und es begann die Industrieansiedlung zwischen Kanal und westlicher Flurgrenze. Hier breitete sich vor allem die Metallindustrie aus. 1867 kaufte Sack das erste Grundstück an der Neuen (heute Karl-Heine-Straße) Straße in Höhe des geplanten Kanals, das in den folgenden Jahren bebaut wurde. 1874 erfolgte die Gründung der Firma Meier & Weichelt in der Gießerstraße, die nach Kundenmodellen Graugussteile für Maschinenfabriken herstellte. 1879 wurde die Firma Gebr. Brehmer zur Herstellung von Buchbindereimaschinen gegründet und 1888 die Maschinenfabrik Swiderski aus der im Leipziger Osten gelegenen Thalstraße an die Zschochersche Straße verlegt. 1897 vollzog die Firma Unruh & Liebig, die Hebezeuge und Anlagen des maschinellen Transportwesens produzierte, die Neuerrichtung ihres Werkes in Plagwitz. Die Fabrik beschäftigte auf ihrem 5000 qm großen Grundstück 118 Beamte und Arbeiter.
Für einige Betriebe kam es um die Jahrhundertwende bereits zu Raumproblemen in Plagwitz, so dass Erweiterungen in anderen Vororten erfolgten. Auch die landwirtschaftliche Versuchsstation der Firma Rudolf Sack musste auf Feldern in Kleinzschocher errichtet werden.
Im Zuge des Ansässigwerdens der Fabriken in Plagwitz hat der Fabrik- und Industriebau selbst mehrere Entwicklungsstufen durchlaufen, mit denen sich Baumaterial sowie Gebäudekonstruktion und –gestaltung änderten und den Erfordernissen der industriellen Produktion Rechnung getragen wurde. Die ersten Fabrikgebäude entstanden als Holzfachwerkbauten, orientiert an Stall- und Scheunenbauten, meist anspruchslose Bauwerke. Es folgten massive Gebäude, vorwiegend aus roten Backsteinen, die unverputzt blieben, und mit Fenstern nach Wohnhausart. Großes Gewicht wurde auf die Gestaltung der Fabrikschornsteine als weithin sichtbares Zeichen damals technologisch moderner Produktion gelegt. Die Fabrikfassaden schmückten kunstvolle Maueranker und Bauornamente , wie z.B. am Gebäude der Sächsischen Wollgarnfabrik in der Nonnenstraße. Bei anderen Fabrikgebäuden dienten verschiedenfarbig glasierte Steine zur Belebung der Fassaden, und es entstanden Schmuckgiebel mit dem Firmennamen, wie bei der Maschinenfabrik von Unruh & Liebig in der Naumburger Straße. Die Bauprobleme der wachsenden Industrie, die zunehmend größere Produktionsflächen benötigte, löste endgültig der Stahlbau, der sich in Plagwitz in den ersten Jahren nach 1900 durchzusetzen begann. Mit ihm wurden mehrgeschossige Gebäude mit großen Arbeitssälen und zugleich hohen Deckenlasten realisierbar und zudem größere Fensterflächen für die sich verfeinernden Produktionsgänge, die mehr Tageslicht verlangten. Die Maschinenfabrik der Gebr. Brehmer in der Karl-Heine-Straße ist ein Beispiel; es entstanden eine Reihe ansehnlicher, architektonisch bedeutender Industriebauten. Meist versah man die Sichtflächen der Stahlbetonbauten mit braunroten Klinkern, so dass die braunroten Fabrikgebäude für Plagwitz charakteristisch wurden.
In den 1880er Jahren war Plagwitz bereits eine in vielen Ländern der Welt bekannte Adresse –als Herkunftsort damals moderner und zuverlässiger Industrieerzeugnisse, für die ein wachsender Bedarf entstanden war. Die mit dem Industriezeitalter verbundene Notwendigkeit Erweiterung von Wissen und Bildung verlangte Massenauflagen z.B. von Schul- und Lehrbüchern; die Zunahme des Geschäftsbetriebes in Handel, Gewerbe und Industrie erforderte Geschäftsbücher, Formulare u.a. in großen Stückzahlen. Das wiederum ließ Buchdruck- und Buchbindermaschinen erforderlich werden. Die Draht- und Fadenheftmaschinen der Firma Gebr. Brehmer ermöglichten, was in der handwerklichen Buchbindereiarbeit nicht zuschaffen war: in kurzer Zeit Bücher in hohen Stückzahlen buchbinderisch herzustellen. Bereits die erste Vorstellung einer Brehmerschen Drahtmaschine auf der Ausstellung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler 1879 in Leipzig war eine Sensation. Wenige Jahre danach (1884) entwickelte Hugo Brehmer auch eine zuverlässige Maschine für das Fadenheften, die Schiffchen-Faden-Buchheftmaschine und besaß damit ebenfalls auf diesem Gebiet Vorrangstellung. Es brauchte nur kurze Zeit, bis sich die Verlags- und Geschäftsbücherdruckereinen in zahlreichen Ländern mit den leistungsfähigen Brehmerschen Maschinen ausgerüstet hatten. Dank fortwährender Innovationen und Qualitätsarbeit konnte das Unternehmen, wie der Leipziger polygraphische Maschinenbau überhaupt, die technologische Spitzenstellung auf seinem Spezialgebiet bis zum Zweiten Weltkrieg halten. Wie in der Firma Brehmer leisteten Konstrukteure, Ingenieure und Facharbeiter in einer ganzen Reihe von Plagwitzer Unternehmen Herausragendes und standen jahrzehntelang an der Weltspitze des technologischen Fortschritts. Es fällt schwer, aus der Fülle dieser Leistungen eine Auswahl zu treffen. Rudolf Sack konstruierte und produzierte in dieser Zeit, in der Bevölkerungszahlen vieler Länder schnell anstiegen, Lebensmittel in zunehmenden Umfang benötigt wurden und die landarbeitende Bevölkerung (relativ) abnahm, landwirtschaftliche Bodenbearbeitungs- und Erntemaschinen, mit denen die Feld- und Stallarbeiten mechanisiert und produktiver werden konnte. Das sicherte dem Unternehmen Exporte in zahlreiche Länder der Welt, nach Rußland ebenso wie nach Staaten in Amerika und Asien. Der ideenreiche Ingenieur Ernst Jaeger erfand eine Pumpenkonstruktion, die eine größere Leistungskraft ergab, als sie die bis dahin gebräuchlichen Pumpen besaßen. Er setzte sie attraktiv in Szene: Eine abwechselnd mehrfarbig beleuchtende Fontäne aus 55 Wasserstrahlen war ein Anziehungspunkt auf der Industrieausstellung 1897, die zahlreiche Spitzenprodukte der Plagwitzer Industrie zeigte.

In zeitgenössischen Berichten wurde sehr zufrieden vermerkt, dass sie Jaegerschen Pumpen den Stahl der Leipziger Fontäne höher steigen ließen, als es andere Fabrikate auf der vorherigen Berliner Ausstellung vermochten. Jaegers Kreiskolbenkonstruktion, später Jaegersche Turbinenpumpen, Jaegersche Gebläse, Turbinenluftpumpen, Turbinenkompressoren, Turbinengebläse für Luft und Gas –das waren Aggregate hoher Leistungskraft, wie sie z.B. die Wasserwerke der wachsenden Städte und ebenso die Chemieindustrie und andere Industriezweige, darunter auch der Schiffbau, brauchten. So war z.B. der vor dem ersten Weltkrieg modernste Passagierdampfer, die >>Bremen<<, mit Jaegerschen Kesselspeisepumpen ausgerüstet. Aus diesem Großbetrieb, der technologisch bis zum Zweiten Weltkrieg an der Weltspitze lag, ist die heutige Pumpen- und Gebläsewerk GmbH hervorgegangen, die sich in der Marktwirtschaft behauptet. Krane sowie viele Arten von Verlade- und Transportanlagen, insbesondere für Schüttgüter wie Getreide, Kies, Kohlen u.a., schuf das Maschinenunternehmen Unruh & Liebig in Plagwitz, ein Vorgängerbetrieb der heutigen KIROW Leipziger Rail & Port AG, die Eisenbahnkrane, Anlagen für die Verladung von Containern in Seehäfen sowie auf Ladeplätzen der Eisenbahn, Fahrzeuge für Schwerlasttransporte in Werften und Hüttenbetrieben und andere moderne Transportgeräte baut. Unruh & Liebig seinerzeit rüsteten mit ihren Anlagen in aller Welt Getreidesilos aus, bauten Hafen- und Kaianlagen mit Kranen, Förderbrücken und –bändern und anderes mehr. Die Plagwitzer Firma Kießling & Co. stellte Holzbearbeitungsmaschinen her, plante selbst sowie mit ihren Ingenieurbüros in zahlreichen europäischen und außer europäischen Großstädten, z.B. in London und Paris, Rotterdam und Mailand, Rio de Janeiro, Buenos Aires und Mexiko Sägewerke, Zimmerei- und Tischlerunternehmen und stattete sie mit ihren Maschinen aus. Schelter & Giesecke baute in Plagwitz Buchdruckmaschinen, hatte insbesondere Erfolg mit den Tiegel-Druckpressen >>Phönix<< und >>Viktoria<<, die ab 1896 in großen Stückzahlen gebaut wurden.

Doch nicht nur der Plagwitzer Maschinenbau errang Positionen auf den bedeutendsten Märkten, auch beispielsweise die Wollgarnfabrik Tittel & Krüger sowie die Produktion von Spitzen für Bekleidung in Plagwitz und Lindenau. Die Firma Mey & Edlich begann 1871 mit der Herstellung von pflegeleichter Wäsche und begründete zugleich den heute so verbreiteten Versandhandel. Schon 1895 konnte man Mey & Edlich nach illustrierten Katalogen Wäsche und Oberbekleidung für Damen, Herren und Kinder, auch Pelz- und Gummimäntel, Teppiche, Lederwaren, Schmuck, auch Lebens- und Genussmittel wie Kaffe, Kakao, Schokolade, Weine und Liköre bestellen. Der Katalog bot ca. 1600 Positionen an.
Das die Plagwitzer Industrie in wenigen Jahrzehnten eine so herausragende Stellung erlangen konnte, hat eine Reihe von Gründen. Leipzig, durch die Messen kaufmännisch und durch seine frühzeitig entstandenen Eisenbahnverbindungen verkehrsmäßig mit der Welt günstig verbunden, und das von Karl Heine aufgeschlossene Gelände mit seiner auf die Industrieentwicklung zugeschnittene Infrastruktur bot beste Bedingungen. Entscheidend dürfte jedoch gewesen sein, dass die kreativen Plagwitzer Unternehmer es verstanden, schnell Neues zu schaffen –auf der Grundlage von Anregungen, Erkenntnissen und Erfahrungen, die sie im Kopf oder auf dem Papier aus den früher fortgeschrittenen Industrieländern, vor allem England und Frankreich, mitgebracht hatten. Die Brüder Brehmer hatten ihre ersten Patente in den USA geschaffen, Ernst Mey Patente aus Paris nach Plagwitz mitgebracht, Rudolf Sack war bereits 1857 in England gewesen und hatte dort Ausrüstung und Organisation von Maschinenfabriken kennen gelernt, die 1. Deutsche Spitzenfabrik setzte Facharbeiter aus England zum Anlernen einheimischer Arbeiter ein usw. usf. Plagwitz hat viel von der Industrie anderer Länder empfangen, dann aber der Welt auch reichlich gegeben.
Die extensive Industrie schuf mehr Arbeitsplätze und so wuchs die Bevölkerungszahl in Plagwitz rasch. Während die Leipziger Altstadt innerhalb des Promenadenrings sich zur City, einem ansprechenden Bank-, Büro- und Geschäftsviertel entwickelte und die Wohnbevölkerung hier zahlenmäßig stark zurück ging, nahm sie in Plagwitz zu, von den 1870er Jahren an sogar sprunghaft:

Einwohner 1834 1871 1890 1910
Alt-Leipzig 20930 25125 ? 12319
Plagwitz 187 2531 13045 19510

Von den Arbeitsmöglichkeiten in den Fabriken angezogen, kamen meist junge Männer und Frauen nach Plagwitz, das ein kinderreicher Ort wurde. Schon früh entstand ein Kindergarten, und die kirchliche Sozialarbeit schuf zum Beispiel das >>Heim für allein stehende Frauen und Mädchen<<. Hatte bis zum Ende der 1860er Jahren die lockere Wohnbebauung um die alte Ortslage für den Zuwachs an Einwohnern im westendlichen ausgereicht, entstand nach dieser Zeit eine drückende Wohnungsnot. Sie trug zum einen dazu bei, dass die Untervermietung nicht nur von Wohnräumen (die Wohnungen waren ohnehin überbelegt) um sich griff, sondern mehr noch das Vermieten von Betten lediglich zum Stundenweisen Schlafen in Wohnungen von Familien und Einzelpersonen. >>Schlafleute<< ebenso wie Bettenvermieter gehörten meist zu den ärmsten Schichten der Bevölkerung, die auf diese Weise ihr Einkommen zu strecken versuchten. Das >>Schlafleuteproblem<<, ein sozialer Notstand ohnegleichen, erhielt sich trotz umfangreichen Wohnungsbaues über Jahrzehnte. Schnellhochgezogene drei- bis viergeschossige Mietshäuser für einfachste Wohnbedürfnisse entstanden besonders zwischen der die Zschocherschen Straße und dem Kanal an der Weißenfelser, Lauchstädter und Ziegelstraße. Sogar in den engen Hinterhöfen fanden noch einige Kleingewerbetreibende ihren Platz. Die Massierung der Arbeiter in diesen Wohnquartieren brachte zwar kurze Arbeitswege zu den Fabriken mit sich, schuf zugleich aber nicht nur beengte, sondern wegen der benachbarten Fabriken mit Rauch und Staub auch höchst ungesunde Wohnverhältnisse. In der Nonnenstraße wie in der Bahnhofsgegend lagen Wohnhäuser und Fabriken sogar gemischt. Die Fabrikherren, die –wie z.B. Rudolf Sack- anfangs Wohnhäuser auf ihren Fabrikgeländen errichtet hatten, bezogen nach und nach geräumige und komfortable Villen mit prächtigen Gärten und Parks vor allem zwischen der Karl-Heine-Straße und der Luppe. In dieser Gegend lebte und arbeitete auch der Bildhauer, Maler und Graphiker Max Klinger (1857-1920). Seine Werkstatt bildete zunächst ein Maschinenschuppen der Firma Schumann & Koeppe an der Karl-Heine-Straße, später (1896) bezog er ein eigenes Atelier in der Karl-Heine-Straße 6. Hier entstand Klingers wohl bekanntestes bildhauerisches Werk –die Beethoven-Plastik. Im Zusammenhang mit der vollständigen Erschließung des Areals von Plagwitz wurde der Ausbau der Infrastruktur im wesentlichen bis 1890 abgeschlossen.
1883/84 wurde das Plagwitzer Rathaus (Architekten Pfeifer und Händel) erbaut, und der Ort erhielt ein kaiserliches Post- und Telegrafenamt , das 1889 ein eigenes Gebäude bezog. 1885 entstand an der Ziegelstraße (heute: Walter-Heinze-Straße) ein Kranken- und Armenhaus sowie ein Spritzenhaus. 1886-88 wurde an der Elisabethallee die Heilandskirche in Backsteinarchitektur mit einem 85 Meter hohen Turm (Architekt Prof. Joh. Otzen, Berlin) errichtet. Alles dies prägte den alten Ortskern städtisch jedoch konnte dieser, schon aus Platzgründen, mehr jedoch der Zweckmäßigkeit wegen, dem gesamten Umfang der Erfordernisse der städtischen Entwicklung nicht gerecht werden. Der Bahnhof wurde weitab vom Ortskern am Rande des Fabrikareals zwischen Plagwitz, Lindenau und Kleinzschocher angelegt, weshalb sich auch die breite Verbindungsallee zwischen Ortskern und Bahnhof, die Karl-Heine-Straße, ebenso wie die Zschochersche Straße zu wichtigen Geschäftsstraßen ausbildeten. Das Plagwitzer Gebiet wurde schon damals so vollständig von Fabriken und Wohnquartieren in Anspruch genommen, dass der Plagwitzer Friedhof auf Kleinzschocherscher Flur eingerichtet werden musste. Auch für Kasernen war im Ort kein Platz. Als Plagwitz 1893 ein Bataillon der sächsischen Armee als Einquartierung auf Jahre hinaus bekam, wurde es in einem privaten Gebäude in der Nonnenstraße untergebracht.

Plagwitz gewann als Industrie- und Arbeitsort zunehmend städtischen Charakter. Geselligkeit fand in Vereinen statt. Als Vergnügungs- und Tanzhäuser wurden 1874 das >>Lindenfels<< und 1890 der neue >>Felsenkeller<< (Architekten Schmidt und Johlige) eröffnet. Das >>Lindenfels<< war später auch Kino. Der Naherholung diente die Kanalzone mit ihrem üppigen Grün – der Kanal war auch ein Angelgewässer – und ebenso das ausgedehnte benachbarte Auengebiet. Später bereicherte der heute nicht mehr existierende >>Palmengarten<< (am östlichen Ortsrand) mit Gesellschaftshaus, Parkanlagen und Gondelteich die Möglichkeiten. Theater, Orchester und andere damals elitäre Kultureinrichtungen fanden in Plagwitz keinen Platz; dazu war die Stadt Leipzig als ein Zentrum der Kultur zu nah. Ähnliches galt für die Wissenschaft einschließlich der medizinischen Versorgung in Kliniken und Krankenhäusern, die in Leipzig konzentriert blieb.
Karl Heine hat im Zusammenwirken wie in der Auseinandersetzung der Gemeinde, der Stadt und der sächsischen Regierung auf das industrielle und städtische Wachsen des Ortes Plagwitz vielfältigen Einfluss genommen. Die Fabrikansiedlung brachte der Gemeinde gute Straßen und beträchtliche Steuereinnahmen. Von allen Vorstadtdörfern hatte Plagwitz die höchsten Einnahmen aus Gemeindesteuern und anderen Abgaben. Heine vermittelte auch die Verkehrsbindung nach Leipzig, zunächst mittels Pferde-Omnibus und ab 1872 mit der Pferdebahn.
Heine erwies sich nach dem Zeugnis des Lindenauer Schuldirektors Pache, einem Zeitgenossen Heines, als >>allen gemeinnützigen Unternehmungen ein wohlwollender und opferwilliger Berater<<. Gemeinsam mit dem Turnenthusiasten Ferdinand Goetz, der seit 1855 als Arzt in Lindenau wohnte und arbeitete, hatte Heine über lange Zeit bei der Bewältigung kommunaler Probleme geholfen. Gemeinsam gründeten sie im Laufe von etwa 20 Jahren einen Bürgerverein zur Besprechung öffentlicher Angelegenheiten, einen Gewerbeverein, Vorschussverein, Frauenverein, Kinderbewahranstalten und andere Wohlfahrtseinrichtungen.
Karl Heine sorgte dafür, dass sein Werk auch ohne ihn weitergeführt werden konnte. 1885 verkaufte er die Industriegleisanlagen und den Transportbetrieb an die Staatsbahn, womit er sich von jeglichem finanziellen Druck befreite. Schon erkrankt, betrieb er die Gründung einer Familien-Aktiengesellschaft, die als Westend-Baugesellschaft im Mai 1888 zustande kam. Drei Monate später, am 25. August 1888, starb Heine in seinem 69. Lebensjahr. Sein Begräbnis wurde zu einer Würdigung seiner großartigen Leistungen und zum Zeugnis seiner Volkstümlichkeit. 10 Jahre nach seinem Tode wurde ihm ein Denkmal gesetzt, von dem heute nur noch der Sockel mit Heines Namen existiert.

Plagwitz als Stadtteil von Leipzig

Industrialisierung des Leipziger Westens, Bau von Straßen, ebenso 14 Straßen- und Eisenbahnbrücken zwischen der Elster und der Lützener Straße sowie zahlreicher Gebäude – das war die Bilanz im Todesjahr Heines 1888. Plagwitz (und die angrenzenden Gebiete) waren bevorzugte Standorte von 105 Industriegebieten mit 5887 Beschäftigten; auch international renommierte Konstruktionsbüros mit namhaften Erfindern und Konstrukteuren waren in Plagwitz tätig. 1895 standen im Raum Plagwitz/Lindenau 27,4% der Leipziger Metallverarbeitung und des Maschinenbaus sowie 34 % der Textilindustrie.
1893 war die bebaute Fläche von Plagwitz und Lindenau größer als die Alt-Leipzigs innerhalb des Ringes. Längst hatte Plagwitz seinen Charakter als Landegemeinde verloren. Plagwitz nahm den Charakter einer Stadt an. Auch um dem vorzubeugen, vor allem aber wegen der wechselseitigen Verflechtungen und Abhängigkeiten wurde Plagwitz zum 1. Januar 1891 nach Leipzig eingemeindet. Die Region war auch rechtlich zur Stadt geworden. Plagwitz stellte nun noch direkter ein bedeutendes Potential Leipzigs dar. Die Durchführung der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung zu Leipzig im Jahre 1897 und deren Präsentation gewissermaßen vor Plagwitz war zweifellos eine Referenz an den Ruf und das Potential des nunmehrigen Leipziger Stadtteils.

Den weiteren Ausbau von Plagwitz setzte die >>Leipziger Westend-Gesellschaft<< fort. Sie übernahm u.a. die weitere Erschließung von Straßen, Gelände für Fabrikbauten und den Weiterbau des Elster -Saale - Kanals. Er durchzieht, unvollständig geblieben, heute auf 2,5 Kilometer Plagwitz und Lindenau.

Auch der infrastrukturelle Ausbau ging weiter. 1910 entstand z.B. das Gebäude des Unterwerks West der Städtischen Elektrizitätswerke in der Lauchstädter Straße. Die Elektrifizierung führte mit der Anwendung von Motoren, die sich auch Handwerks- und kleine Industriebetriebe leisten konnten, zu einem qualitativen Industrialisierungsschub. Es erfolgte aber wegen des Platzmangels keine wesentlichen Ausweitungen des Industriestandortes mehr. Zudem befand sich die Industrie infolge ihrer äußerst empfindlichen Struktur (differenzierte, exportabhängige Maschinenbau- und Verarbeitungsbetriebe) in einer schwierigen Lage. Einzelne Wohnhäuser kamen, vom Jugendstil geprägt, hinzu, ebenso das Warenhaus an der Josephstraße.
In Plagwitz Beschäftigte suchten mehr und mehr, auch wegen der zunehmenden Umweltbelastungen durch die Industrie vor allem mit Rauch und Lärm, Wohnungen in den benachbarten Stadtteilen Kleinzschocher, Lindenau und Schleußig. Deren Gebiete besaßen zusammen mehr als die 12fache Fläche von Plagwitz. Während hier der Wohnungsbau nur langsam vorankam (von 1890 bis 1910 rund 1700 Wohnungen Zuwachs), geschah dies in den genannten Nachbarbezirken bedeutend schneller, wobei in Schleußig die nach dem damaligen Stande am modernsten ausgestattete Wohnungen gebaut wurden. In Plagwitz blieb trotz des Anteils der komfortablen Villen sowie der großen und besser ausgestatteten Wohnungen in den nach der Jahrhundertwende gebauten Wohnhäusern die Wohnungsausstattung auch im statistischen Durchschnitt hinter den hygienischen Notwendigkeiten und baulichen Möglichkeiten weit zurück. Für die Mehrzahl der Plagwitzer Wohnungen gab es nahezu keinen Umbau und keine Modernisierung. 1910 dienten immer noch in zwei Dritteln der Plagwitzer Wohnungen zur Beleuchtung Petroleumlampen oder Kerzen. Gasbeleuchtung war, anders als in anderen Stadtbezirken, noch nicht zur Norm geworden, und hinsichtlich elektrischer Beleuchtung stand Plagwitz erst am Anfang. Nur in einem Siebentel der Wohnungen gab es Bademöglichkeiten und Toiletten in der Wohnung. Die Regel waren Toiletten im Treppenhaus, und bei mehr als einem Drittel der Wohnungen existierte eine gemeinsame Toilette für mehrere Wohnungen. Erst ein Fünftel der Wohnungen besaß Toiletten mit Wasserspülung. Wengleich die Wohndichte etwas geringer geworden war, hatten sich die Qualität der Mehrzahl der Wohnungen und das Wohnen generell nicht verbessert.
Plagwitz’ Charakter in seiner Blütezeit wurde von der Industrie geprägt - von allem, was die Industrie brauchte, um erfolgreich zu sein.
In den 20er, 30er und 40er Jahren war der Zuwachs an Wohn- und Gewerbeflächen in Plagwitz nur noch gering. Die Entwicklungsmöglichkeiten waren praktisch ausgeschöpft. Hervorhebenswert ist dennoch der Neubau einiger Industriekomplexe und öffentlicher Gebäude. 1927-29 entstand nach Plänen von Hubert Ritter und Fritz Baumeister die Max-Klinger-Realschule (spätere Pädagogische Hochschule). Beide hatten bereits das 1925/26 errichtete Westbad im benachbarten Lindenau geplant. 1929 wurde die Städtische Bücherhalle nach Plänen von Otto Fischbeck und 1929-32 das Konsumgebäude in der Industriestraße nach den Entwürfen von Fritz Höger errichtet. Alle diese Gebäude fühlten sich dem Stil des Neuen Bauens verpflichtet. Sie zählen noch heute zu den bedeutendsten Baudenkmalen der Region.
Heines Vision einer schiffbaren Verbindung zwischen Leipzig und der Nordsee schien in den 30er Jahren zunächst wieder realisierbar. Unter dem Einsatz von 2000 vorwiegend arbeitslosen begannen am 11.Juli 1933 die Bauarbeiten am Elster-Saale- Kanal bei Burghausen. Der Baubeginn für den Hafen auf Schönauer und Lindauer Flur erfolgte Ende 1937. Zu diesem Zeitpunkt spielte der bereits bestehende Kanalabschnitt in Plagwitz keine Rolle mehr für das Gesamtprojekt. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die Arbeiten an Kanal und Hafen jedoch stark eingeschränkt und 1942 gänzlich eingestellt.
Seit der Machtübernahme durch das Hitlerregime begannen bald die Kriegsvorbereitungen. Das damit verbundene Rüstungsprogramm sicherte auch den meisten Plagwitzer Unternehmern, selbst denen der Textilindustrie, deren Firmen durch die Langandauernde Wirtschaftskrise deutlich gekennzeichnet waren, langfristige Aufträge. Bei der Firma Sack setzte bereits 1934 die geheim haltende Produktion von MG-Wagen und anderem Kriegsmaterialien ein. Der Jahresumsatz der Firma Schuhmann & Co. stieg beispielsweise von 1937 dis 1943 infolge der Herstellung von U-Boot-Armaturen auf das 5fache an. Diese Scheinblüte spiegelte sich in erneut steigenden Arbeitskräftezahlen und in der flächenmäßigen Erweiterung von Betrieben durch den Bau von Produktionshallen, z.B. bei Eberspächer & Stöhr, wieder. In mehreren Betrieben wurden im Verlauf des Krieges Zwangsarbeiter aus mehreren Ländern Europas und Kriegsgefangene eingesetzt.

Bernd Rüdiger

Planwirtschaft mit Licht und Schatten

Bei Kriegsende schien Plagwitz noch einmal davongekommen. Zwar gab es Verluste: Kämmerei, Speisesaalgebäude und Färberei der Fa. Stöhr & Co. sowie die gesamte Bebauung der Nonnenstraße 12-18 der Fa. Mey & Edlich waren im Dezember 1943 bzw. Februar 1944 vernichtet worden. Markante Plagwitzer Gebäude wie der >>alte Felsenkeller<<, die >>Westendhallen<< und Max Klingers Atelier lagen in Schutt und Asche. Aber im Unterschied zum Zentrum und zu anderen Vororten Leipzigs existierten keine großflächigen Zerstörungen. Verluste an Wohngebäuden waren gering. So blieb die Hülle eines ganzen Stadtteils fast unversehrt, was einem Wunder angesichts der dichten Besiedelung und der hier angesiedelten Rüstungsproduktion gleichkam.

Daraus resultierten zugleich Probleme beim Übergang zum Frieden.
Schon seit Dezember 1943 wurde Plagwitz mit dem Krieg obdachlosgewordener vollgestopft; der >>neue Felsenkeller<< diente mehrere Jahre als Auffanglager für Flüchtlinge bzw. Umsiedler, die dringend ein neues Zuhause benötigten. All dies verschärfte die latente Wohnungsnot. Es mangelte am Lebensnotwendigsten. Die ehemalige Villa Sack wurde beim Einmarsch US- amerikanischer Truppen im April 1945 von Hungernden geplündert. Ganze Straßenzüge mussten sich längere Zeit auf dem Lindenauer Markt Wasser besorgen.
Die meisten Betriebe sahen einer ungewissen Zukunft entgegen. Diejenigen, die der Rüstung gedient bzw. aktiven Nazis gehört hatten, so die von Rud. Sack und C.H. Jaeger & Co., wurden nach dem Abzug der US-Truppen durch die SMAD beschlagnahmt und vorläufig mittels deutscher Treuhänder verwaltet. Mit den von der SMAD angedrohten Demontagen gingen viele Arbeitsplätze verloren. So zählte Unruh & Liebig 1947 nur noch 384 Beschäftigte.

Zugleich atmeten die Menschen bei Ende des Krieges auf; neue Hoffnung erfasste sie. Sie begannen, Trümmer zu beseitigen, Maschinen zu reparieren und eine Friedensproduktion vorzubereiten. Bereits am 2.Mai 1945 nahm Jaeger & Co. erneut die Produktion auf. Ab Mitte Mai 1945 fuhr wieder eine Straßenbahn. Seit dem 28. Mai arbeitete auch die Firma Rud. Sack. Im Sommer öffnete die von nazistischem Schrifttum gereinigte >>Volksbücherei West<<, und im August 1946 erfolgte die Neugründung der nach 1933 aufgelösten Konsum-Genossenschaft Leipzig-Plagwitz.
Der Neubeginn mit seinen ideologisch überhöhten Zielen der Beseitigung der materiellen und geistigkulturellen Trümmer und des Aufbaus einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung war auch in Plagwitz spürbar mit schwierigsten Startbedingungen verbunden: Waren in Erwartung der Roten Armee zwischen April und Juli 1945 Patente, Geld, Rezepturen, wertvolle technische Ausrüstungen und Spezialisten in die künftigen westlichen Besatzungszonen abgewandert, so zog die SMAD neben den laufenden Demontagen nach dem Volksentscheid vom 30.Juni 1946 mit Unruh & Liebig, Jaeger & Co., Schumann & Co., die bedeutendsten und größten Werke von Plagwitz, als Sowjetische Aktiengesellschaftsbetriebe voll zur Reparaturleistung heran. Noch in den 40 Jahren erfolgte in großer Eile unter sowjetischem Kommando deren Rekonstruktion.
Der Industrieproduktion war in Plagwitz das ganze Leben untergeordnet. Dies erfuhr eine hohe, von der Nachkriegssituation bestimmte Dynamik. Viele Menschen aus ganz Leipzig und umliegenden Dörfern fanden hier wieder Arbeit. In der Folge stieg die Zahl der Arbeitsplätze enorm, so bei Unruh & Liebig auf 4609 (1952). Bereits gegen Ende der 40er Jahre war das Arbeitslosenproblem auch der unzähligen Umsiedler weitgehend gelöst. Das Produktionsvolumen nahm deutlich zu und wuchs bei Unruh & Liebig von 1946 bis 1953 auf das 21fache. Die SAG-Betriebe entwickelten sich unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen erneut zu leistungsfähigen Großunternehmen. Sie waren in vielerlei Beziehung, auch hinsichtlich der Versorgung der Beschäftigten mit Werkküchenessen, Ferienplätzen, Polikliniken und Kulturangeboten, deutlich besser gestellt und besaßen eine hohe Anziehungskraft auf Arbeitssuchende.